Prolog

 

Er stand jenseits einer kleinen Lichtung und beobachtete still die junge Frau, die im Schneidersitzt auf der sonnenhellen Wiese hockte und gedankenversunken eine Melodie summte. Sie wartete bereits auf ihn. Wie sie es immer tat, wenn sie sich zu ihrer gemeinsamen Lehrstunde trafen. Doch ab heute würde es für sie keinen Unterricht mehr geben, nein, heute war jener finstere Tag gekommen, vor dem er sich bereits etliche Sternenläufe zuvor gefürchtet hatte. Der Abschied war nun nicht mehr länger aufzuschieben. Er war sich dessen schmerzlich bewusst und dieser Gedanke quälte ihn seit den frühen Morgenstunden.

   Ihr Summen verstummte und die Frau drehte ihren Kopf herum. Sie sprang schwungvoll auf und blickte direkt in seine Richtung. Für einen Moment vergaß er vor Schreck das Atmen. Wüsste er es nicht besser, so hätte er fast angenommen, sie könnte ihn sehen. Dabei war das vollkommen unmöglich, denn er blieb in ihrer Nähe immer unsichtbar.

   "Erowan", rief sie freudestrahlend und beim Klang seines Namens stahl sich augenblicklich ein Lächeln auf seine Lippen. Sie selbst hatte ihn einige Zeit nach ihrem ersten Aufeinandertreffen so genannt, da er ihr seine wahre Identität nicht verraten durfte. Immer noch berührte ihn diese liebevolle Titulierung. Denn Erowan bedeutete in ihrer Sprache so viel wie Beschützer, Weggefährte. "Ihr seid endlich da!" Sie raffte ihr bodenlanges, zimtbraunes Kleid und hüpfte ihm leichtfüßig entgegen. Dabei kam sie ihm so unerwartet nahe, dass er überrumpelt einige Schritte zurück stolperte. Tastend streckte sie einen Arm aus. "Wo seid Ihr?"

   Er schob sich unmerklich an ihr vorbei und trat auf die Lichtung. "Ich bin hier!", gab er sich mit seiner Stimme zu erkennen.

   Die junge Frau drehte sich um, stemmte die zierlichen Fäuste in die Seiten und blickte gespielt grimmig drein. "Das ist nicht fair! Ich weiß ganz genau, dass Ihr eben noch hier wart!"

   Unwillkürlich musste er auflachen und gab sich nur zu gern geschlagen. "Gut, ich geb's zu. Du hast gewonnen."

   "Ha", gab sie triumphierend von sich und schritt aus dem Schatten der Bäume heraus zurück zur Wiese. "Und? Welche Zaubertricks lerne ich heute?", fragte sie aufgeregt und strich sich eine dunkle Haarsträhne hinters Ohr.

   Bei ihren Worten zog sich sein Herz stechend zusammen. "Keine diesmal. Heute ... werde ich gehen", brachte er stockend hervor. "Für immer ..."

   Das Lächeln um ihren Mund erlosch wie das Glühen in ihren hellblauen Augen und über ihr Gesicht legte sich ein dunkler Schatten. "Warum?", wollte sie mit tränenerstickter Stimme von ihm wissen. "Wieso wollt Ihr von mir fort? Habe ich Euch enttäuscht? War ich ..."

   Er machte einen Satz auf sie zu und überbrückte somit die kleine Distanz zwischen ihnen. Dann wagte er etwas, das er noch nie zuvor getan hatte: er berührte sie, legte einen Finger auf ihre Lippen und brachte sie sanft, aber entschlossen zum Schweigen. Erstaunt riss sie die Augen auf und fiel geradezu in Schockstarre. Auch für ihn war es ein seltsamer und zugleich bewegender Moment, den er für immer in seinen Erinnerungen festhalten wollte. "Du hast mich nie enttäuscht! Aber du zählst jetzt vierzehn Sternenläufe und meine Aufgabe ist nun erfüllt. Wir wussten doch immer, dass dieser Tag kommen würde. Du ebenso wie ich." Er ließ seine Hand wieder sinken und spähte ein letztes Mal in ihr Gesicht. Dann wandte er sich ab und schritt zurück in den Schutz der Bäume.

   "Ich werde Euch also nie wiedersehen?", hakte sie noch einmal voller Flehen nach.

   "Es würde zumindest nichts Gutes heißen, wenn es denn so wäre", gab er tonlos zurück. Der traurige Ausdruck in ihren Augen war kaum zu ertragen. Darum ging er in die Hocke und ließ einen Hauch Energie auf den kühlen Waldboden fließen. Eine Handvoll lockerer Erde begann zu flirren und zu tänzeln und formierte sich zu einem winzigen Pferd, das sich elegang aufbäumte und wild seinen Kopf schüttelte, dass seine lange Mähne nur so flog und sich feine Erdkörner aus ihr lösten. Es war der erste Zauber, den er ihr beigebracht hatte und er wusste, diesen liebte seine Schülerin ganz besonders. Er hatte ihr als kleines Kind viel Freude bereitet, zumal er so herrlich harmlos war. Eine große Ausnahme in der auch gefährlichen Magie, die sie im Laufe der Zeit von ihm erlernt hatte. Freudig galoppierte das Pferd los und zog schmale Furchen durch das knöchelhohe Gras. Für einen Moment hatte es die ungeteilte Aufmerksamkeit der jungen Frau und er nutzte diesen Augenblick, um sich verstohlen aus ihrem Leben zu schleichen.