Eine merkwürdige Aura


     Wasser spritzte in meine Laufschuhe hinein, und mittlerweile hatte ich es aufgegeben, die vielen Pfützen zu umrunden oder zu überspringen. Es machte auch keinen Sinn, da der Regen während meiner Joggingrunde stetig zunahm und erbarmungslos vom dunklen Himmel herabströmte. Ich lief über einen platt getrampelten Pfad, der ziemlich matschig und rutschig war. Unterhalb zu meiner linken Seite erstreckte sich die Bucht von Cape Cod. Grau und schwer hingen die Wolken über der rauen See, und ein ungemütlicher Wind fegte mir ins regennasse Gesicht. Nun war bereits Ende Oktober. Somit waren knapp acht Monate seit den letzten grausamen Ereignissen in Ventura vergangen. Es war nicht nur eine Zeit der Eingewöhnung für Tristan und mich gewesen, sondern auch voller neuer Erfahrungen. Denn wie mein Lebensretter Erowan es mir bereits vorausgesagt hatte, kehrte allmählich mein Gedächtnis zurück. Die Rückblicke in meine Vergangenheit erschienen mir meistens in Träumen, und jedes Mal, wenn wieder eine Erinnerung lebendig wurde, hatten Tristans Augen vor Freude und Erwartung geleuchtet. Einziger Nachteil an der ganzen Sache war: Es ermüdete mich wahnsinnig. Ich benötigte viel mehr Schlaf, als ich es gewohnt war.
     Wie sich herausstellte, vervollständigten sich meine Erinnerungen in chronologischer Reihenfolge. Bis dato war ich daher zunächst über meine ersten 14 Sternenläufe in Kenntnis gesetzt worden. Hauptsächlich ging es dabei um das Leben mit meiner Mutter in unserem früheren Heimatdorf. Aber auch um die gemeinsamen Lehrstunden mit meinem damaligen Meister Erowan, der jedoch immer unsichtbar in meiner Gegenwart geblieben war. Bei diesem Gedanken musste ich augenblicklich lächeln. Denn seit dem lebensbedrohlichen Angriff auf mich Anfang des Jahres hatte ich nun endlich sein Gesicht vor meinen Augen. Doch trotz – oder gerade wegen - dieses schönen Umstands blieb eine gewisse Wehmut in mir. Die Sehnsucht nach meinem alten Zuhause, der Parallelwelt Nawax, war dadurch nur noch stärker geworden. Allerdings war eine Rückkehr dorthin unmöglich für mich und blieb wohl ewig ein Wunschtraum. Tristan und ich waren uns sofort einig gewesen, dass für unseren Neuanfang nur ein fremder Ort infrage kam. Allein schon, um unsere Spuren zu verwischen. Denn bei dem Kampf zwischen Primus, damaliges Oberhaupt des Geheimbundes und Mitglied im Rat, und Erowan war sehr viel schwarze Magie im Spiel gewesen. Wir waren uns nicht sicher, ob dies möglicherweise von weiteren dubiosen und machtgierigen Zauberern bemerkt worden war. Wir wollten kein Risiko eingehen. Denn ich hatte die schmerzhafte Erfahrung gemacht, wie stark diese Magie aufgrund ihrer gewaltigen Kraft begehrt wurde.
     Da ich entscheiden durfte, wählte ich als neues Zuhause die Ostküste. Durch meine hier verbrachten Jahre nach dem Wechsel fühlte ich mich mit ihr sehr verbunden, und deshalb war sie immer noch ein Stück Heimat für mich.
     Der Weg gabelte sich und ich entschied spontan, die Abkürzung über den Strand zu nehmen. Das Wetter hatte mir die Lust am Laufen gehörig verdorben. Normalerweise machte mir Regen nichts aus, aber das, was heute vom Himmel herabfiel, grenzte schon regelrecht an einen Sturzbach. Ich schlitterte locker den Abstieg zum Strand hinunter und seufzte, als auch noch eine Ladung Sand den Weg in meine Schuhe fand. Gut, nicht gerade eine Seltenheit hier in Cape Cod. Sand gab es praktisch überall, und jeder, der versuchte, gegen ihn zu anzukämpfen, verlor irgendwann. Unten angekommen, sog ich die kühle Luft durch meine Lungen und schmeckte das Salz und Meer noch intensiver auf meiner Zunge. Ich bog nach rechts ab zum nahegelegenen Pier. In der Ferne leuchtete das rote Signallicht des Leuchtturms in gleichmäßigem Takt und begleitete mich, bis ich zum MacMillan Pier gelangte. Trotz des Regens nahm ich den Umweg über die Anlegebrücke, da ich die Aussicht auf die weite See von dort einfach unglaublich liebte. Mein Atem ging schnell, aber gleichmäßig, als ich an den kleinen Segelbooten vorbei joggte und am Ende des betonierten Stegs ankam, von wo aus die Fähren nach Boston und Plymouth ablegten. Die kleinen Verkaufsstände für die Fährtickets lagen, wie der Rest, nahezu verwaist da. Kleinere Ruderboote schwankten gefährlich auf den sich brechenden Wellen. Die größeren Yachten und Segelschiffe fand man weiter draußen vor Anker. Der Tag der Hummerfischer schien infolge des Wetters bereits beendet zu sein - ihre Boote hatten den Hafen längst wieder erreicht. Schaumgekrönte Wellen bedeckten die ansonsten nahezu schwarze See, und obwohl ich von dem langen Lauf genügend durchgewärmt war, fröstelte es mich mit einem Mal. Ich wandte mich ab und lief über den Pier wieder zurück, um endlich den Weg Richtung Heimat einzuschlagen. Das Pilgrim Monument strahlte hell über die dunklen Dächer der Häuser in Provincetown. Ich überquerte den großen Parkplatz und rannte weiter über den Strand, der mich direkt zu unserem Haus führte. Ein greller Blitz zerriss jäh die trübe Dunkelheit und tauchte meine Umgebung für einige Lidschläge in gleißendes Licht. Ich stockte so plötzlich in meiner Bewegung, dass ich leicht ins Stolpern geriet. Was war denn das? Abrupt blieb ich stehen. Mein Herz hämmerte jetzt heftig in meiner Kehle, und wie versteinert starrte ich vor mir in den dichten Regenschleier, dort, wo ich eben ganz deutlich die schemenhaften Konturen einer Gestalt gesehen hatte. Ein ohrenbetäubender Donner folgte dem Blitz, durchschlug die unheimlich gewordene Stille und ließ mich vor Schreck zusammenzucken. Das Rauschen der Wellen und das Geräusch des strömenden Regens klangen unwirklich leise, so als wären sie meilenweit entfernt. Ich wagte kaum zu atmen und lauschte angestrengt, aber es war nichts zu vernehmen. Hastig sah ich mich um, drehte mich um meine eigene Achse und nahm die Gegend um mich herum genauestens in Augenschein. Ich blickte zu den nahegelegenen Strandhäusern, dann weiter aufs Meer hinaus und wieder zurück zu der Stelle, wo der Schatten sich eben gezeigt hatte. Fest presste ich die Lippen aufeinander und tastete mich mit langsamen Schritten vor, die Ohren weiterhin gespitzt. Nachlässig wischte ich den Regen aus meinem Gesicht und strich nasse Strähnen zurück, die sich aus meinem geflochtenen Zopf gelöst hatten und an Wange und Stirn klebten. Ein weiterer Blitz durchzuckte den wolkenverhangenen Himmel. Konzentriert spähte ich durch das trübe Grau - und dann sah ich ganz deutlich, in einigen Metern Entfernung vor mir, eine schlanke Gestalt stehen.