Prolog

Besorgt betrachtete der junge Mann von der Tür aus die blasse, kranke Frau auf dem schmalen Bett. Sie zitterte nicht mehr. Als er am frühen Morgen noch schnell nach ihr geschaut hatte, bevor er aufbrechen musste, hatte ihr ganzer Körper vibriert, so wie die letzten fünf Tage über. Voller Sorge um sie hatte er verzweifelt versucht, den Tag zu überstehen, um nach Erledigung seiner Pflichten so schnell wie möglich wieder bei ihr zu sein. Jetzt stand er im niedrigen Türrahmen und wagte es nicht, diesen von Krankheit erfüllten Raum zu betreten.

Etwas hatte sich verändert. Er hatte es bereits beim Hereinkommen bemerkt. Stickige, von Kräutern geschwängerte Luft war ihm entgegengeschlagen. Aber da war noch ein anderer Geruch, den er am Morgen noch nicht wahrgenommen hatte. Er war süßlich. Irgendwie unangenehm. Das war gar nicht gut. Das war überhaupt nicht gut.

Beunruhigt beobachtete er den alten Heiler, der mit seinen dünnen, knochigen Fingern den zarten Hals der schlafenden Frau betastete und ihr vor Fieber glühendes Gesicht vorsichtig mit einem feuchten Tuch betupfte. Einige seiner langen weißen Haare hatten sich aus dem geflochtenen Zopf gelöst und hingen ihm nun wirr ins Gesicht. Die langen, weiten Ärmel seines schlichten grauen Leinengewandes waren bis zu den Oberarmen hochgekrempelt. Jetzt seufzte er schwer und richtete sich langsam auf. Ohne Hast begann er, die gläsernen Phiolen mit den verschiedensten Tinkturen in seinen braunen Lederbeutel zu räumen.

Der junge Mann stutzte. Was tat er da?

Jetzt erst sah der Heiler zu der hochgewachsenen Gestalt an der Tür. Er sagte nichts. Das musste er auch gar nicht mehr, denn sein Blick hatte dem jungen Mann alles beantwortet. Er schluckte schwer.

»Was können wir noch tun?«, fragte er trotzdem mit brüchiger Stimme.

Der Heiler blickte zu der kranken Frau und schüttelte traurig den Kopf. »Hier gar nichts mehr. Ich habe alles versucht, aber keines meiner Heilmittel zeigt irgendeine Wirkung. Ich fürchte, ihr Leiden ist nicht von hier.«

»Aber … Aber das geht doch gar nicht. Wie soll sie sich denn damit angesteckt haben? Loutha, ich bitte dich, gib sie noch nicht auf.« Der Jüngere durchquerte mit zwei Schritten den kleinen Raum und packte den Heiler an dessen schmalen Schultern.

Der Alte konnte dem verzweifelten Blick nicht standhalten. Er liebte diesen Jungen, der ohne Eltern aufwachsen musste, der immer hilfsbereit und sich für keine Arbeit zu schade war. Er war sein Zögling gewesen. Und er hatte ihn immer mit großem Stolz betrachtet. Ganz besonders, als er vor fast zwei Sternenläufen vom Fürsten zum jüngsten Hauptmann seiner Kriegstruppe ernannt worden war. Oh ja, Kämpfen war immer schon sein größtes Talent gewesen. Aber er tat es mit Verstand und Fairness und mit einer Eleganz und Geschmeidigkeit, dass selbst der Fürst ihn um seine Kampfkunst beneidete.

Der junge Mann ließ sich kraftlos auf den kleinen, weich gepolsterten Schemel neben dem Bett fallen und fuhr sich mit fahrigen Bewegungen durch das braune Haar. »Verstehst du denn nicht? ICH kann sie nicht aufgeben.« Er blickte traurig auf die schlafende, junge Frau. »Wie konnte das nur geschehen?«, murmelte er nachdenklich.

Loutha legte eine Hand auf seine Schulter. »Wir werden es herausfinden. Später. Jetzt aber müssen wir schnell handeln, sie hat ihr Leben fast ausgehaucht.« Entschlossen zog er den jungen Mann vom Stuhl hoch und schob ihn Richtung Ausgang. »Hol Tane, und sag ihr, sie soll alles für den Wechsel vorbereiten.«

»Nein, Loutha, bitte …«, bettelte er und sah ihn mit einem gequälten Ausdruck an.

»Geh jetzt, die Zeit drängt«, forderte er mit strenger Miene den von Trauer gezeichneten Mann auf und stieß ihn sanft zur Tür. »Geh! Geh! Oder willst du, dass sie stirbt?«

Bei diesen Worten wurde der Blick des jungen Mannes plötzlich ganz klar, er schüttelte heftig den Kopf und rannte los, als wäre der Teufel hinter ihm her.

Der Alte schaute ihm noch kurz nach, dann wandte er sich seufzend dem Krankenlager zu. Die junge Frau war erwacht und sah ihn aus trüben Augen an. Langsam ging er auf ihre Schlafstätte zu und nahm tröstend ihre Hand in die seine. Sie öffnete den Mund, wollte etwas sagen, hatte aber selbst dafür keine Kraft mehr. Loutha wusste auch so, was sie ihm mitzuteilen versuchte. Sie wollte nicht. Er schüttelte bedauernd den Kopf und schloss die Augen, damit er ihrem flehenden Blick ausweichen konnte. »Es tut mir leid«, flüsterte er.