Leseprobe

Dan

 

Gemächlich schlug das Wasser an die raue Felswand und hallte als dumpfer Klang geheimnisvoll durch die Grotte. Über uns schrie ein Vogel auf. Schrill und gespenstisch. Ich folgte seinem Ruf mit den Augen, schaute hinauf zur kuppelgewölbten Höhlendecke, wo sich das grelle Sonnenlicht durch eine kraterähnliche Öffnung zu uns herunter stahl und den kristallklaren See vor uns in ein leuchtendes Türkis färbte. Aber ich hatte keinen Blick für diese atemberaubende Naturschönheit, dieses Stückchen magische Welt, das so gänzlich anders war als die düster erscheinende Großstadt D-Town, aus der wir letzte Nacht geflohen waren. Wie lange war das inzwischen her - tatsächlich nur ein paar Stunden? Mir kam es vor, als befände ich mich in einem völlig fremden Leben, einem, das nicht mir gehörte. Wie in einem meiner Cybergames. Ja, genau. Nur spielte ich dieses Mal nicht die Rolle eines meiner Helden, sondern meine eigene.

Mit klopfendem Herzen stand ich wie versteinert da - unfähig mich auch nur einen Schritt weiter zu wagen.

»Bereit, Supergirl?«

Eine tiefe Stimme in meinem Rücken riss mich aus den Gedanken. Ich drehte mich um und schaute in himmelblaue Augen, deren Farbe hier unten in diesem Meer von Blau- und Türkistönen nur noch intensiver zur Geltung kam.

Bereit? Ich? Das sollte wohl ein Witz sein. Ich starrte auf den überfluteten Tunnel, dessen dunkler Eingang unter dem Glitzerspiel der Sonne wie eine lauernde Bestie auf mich zu warten schien. Dort wollte er mit mir durchtauchen? Niemals!

»Dir wird nichts passieren, das verspreche ich dir. Aber du musst mir schon vertrauen«, sagte er, schulterte sein Lasergewehr und hielt mir die Hand entgegen. Die glitzernde Wasseroberfläche spiegelte sich auf seinem Gesicht und Körper wider und bedeckte ihn mit strahlenden, flirrenden Punkten.

Ich blinzelte. Hatte ich ihm nicht genug bewiesen, wie sehr ich ihm vertraute? Mein Problem war eher: Ich traute mir diese Tauchpartie durch das enge Tunnelsystem ganz und gar nicht zu. Ich konnte ja nicht einmal für zwei Sekunden untertauchen. Allein die bloße Vorstellung die Luft anzuhalten und den Kopf gänzlich unter Wasser zu wissen, trieb mir Schweißperlen auf die Stirn.

Da ich weder seine ausgestreckte Hand ergriff noch anderweitig reagierte, ließ er den Arm sinken und stellte sich mit den Füßen dicht an die Felskante. Wollte er etwa ohne mich in den See springen?

»Warte!«, rief ich panisch und sprang auf ihn zu.

Bei unserer Isis, wie hatte sich mein Leben in so kurzer Zeit eigentlich so gravierend verändern können?

 

 ***

 

Zehn Tage zuvor …

 

Es dämmerte bereits und mit dem Fortgang der letzten Sonnenstrahlen verschwand die restliche Wärme, die in der Herbstluft lag. Von der nahen See drang eine frische Brise in mein Zimmer und wirbelte durch die hauchzarten Vorhänge. Schnell lief ich zu den türhohen Balkonfenstern, um die Kälte auszusperren. Einen Moment lang hörte ich noch den brechenden Wellen zu, sog tief den klaren Duft des Meeres in meine Lungen und registrierte mit Freude den wolkenlosen Himmel. Regen konnte ich heute nämlich wirklich nicht gebrauchen.

Die zwei Monde, deren Antlitze sich am Horizont abzeichneten, waren fast komplett ausgefüllt. Höchstens eine halbe Stunde, dann würde Alba, der helle und größere Mond, sein kühl schimmerndes Licht über das dunkle Wasser schicken und den kilomterlangen schneeweißen Strand am Ende unseres Grundstücks zum Leuchten bringen. Sinister, wegen seiner tiefroten Farbe auch Blutmond genannt, hielt sich die letzten Tage im Hintergrund.