Leseprobe


Kapitel 1


Ein weißes Meer aus Tüll, Spitze und Seide umgab mich, eingeschlossen von strahlenden Bräuten und begeisterten Brautjungfern und Freundinnen, die nicht zu mir gehörten. Ich saß auf einem der mit rotem Samt bezogenen Sesselstühle des Brautmodengeschäfts und wartete auf mein Kleid, das ich heute mit nach Hause nehmen wollte. Wie schon bei meinen letzten Besuchen, fühlte ich mich vollkommen fehl am Platz inmitten dieser vor Freude überschäumenden Frauen. Was nicht hieß, dass ich weniger glücklich war, so verhielt es sich nämlich keinesfalls. Es mangelte mir nur an Zeit, um meine Anprobe in diesem Brautladen als Event zu zelebrieren - und mir fehlten die passenden Freundinnen dazu. Ach verflucht, mir fehlten meine Freundinnen.

 

Ein Seufzen entglitt meiner Kehle. Drei Wochen musste ich mich noch gedulden. Dann würde ich alle meine Mädels wiedersehen - auf meiner Hochzeit. Das hoffte ich zumindest. Bisher vermisste ich leider noch eine Zusage.

 

Ich durfte es nicht laut aussprechen, doch ich ertappte mich dabei, dass dieses Treffen mit ihnen für mich das Highlight an diesem Tag bedeutete, dem ich ungeduldig entgegenfieberte. Mehr als meiner eigenen Heirat. Zum Glück gehörten diese Gedanken mir ganz allein. Schlimm genug, dass ich so empfand. Das war unfair gegenüber Matt, schließlich war er der Bräutigam und alles sollte sich in meinem Kopf um ihn drehen. Tat es aber irgendwie nicht. Vielleicht lag es auch daran, weil wir beide um unsere Hochzeit nicht so einen Wirbel machten. Matt hatte beruflich viel um die Ohren, er war Besitzer einer Restaurantkette und kümmerte sich gerade um den Aufbau einer neuen Filiale. Und ich? Ich war quasi schon verheiratet - mit meinem Diner Lollipop. Und das seit meiner Kindheit … also einer gefühlten Ewigkeit.

 

„Olivia?“ Die Verkäuferin trat mit einem perfekt aufgesetzten Lächeln zu mir und zeigte einladend auf den hinteren Bereich, wo sich die geräumigen Ankleidekabinen befanden. „Wir können jetzt zur Anprobe.“

 

Ich legte die Brautzeitschrift beiseite, die ich ohne großes Interesse durchgeblättert hatte und folgte ihr.

 

„Haben Sie Ihre Brautschuhe dabei?“, fragte sie mich, während sie auf ihren hochhackigen Pumps in eleganter Art vor mir her stolzierte. Trotz ihrer überheblichen Freundlichkeit hörte ich den genervten Ton in ihrer Stimme. Ich gehörte definitiv nicht zu ihren Lieblingskundinnen.

 

„Ja, habe ich.“ Ansonsten hätte sie mich wahrscheinlich eigenhändig erwürgt. Das war nun bereits mein fünfter Besuch in diesem Laden, da ich in meiner Hektik zweimal vergessen hatte, meine Schuhe mitzubringen. Ich wollte gar nicht wissen, was diese Lady von mir dachte. Ich kam nicht nur ohne Begleitung, sondern hatte es beim letzten Mal sogar geschafft, wie eine Brauerei zu stinken, da im Lollipop die Trinkanlage Zicken gemacht und ich mich völlig eingesaut hatte.

 

Als ich mein Kleid an der Umkleidekabine hängen sah, wusste ich im ersten Augenblick nicht, ob ich heulen, lachen oder wegrennen sollte. Nicht, weil es mir missfiel, denn das dreiteilige Ensemble, das ich mir ausgesucht hatte, war perfekt. Etwas speziell und verrückt, aber auf jeden Fall alles andere als Mainstream. Genau so wollte ich auf meiner Hochzeit aussehen. Kein Prinzessinnenkleid mit Reifrock, langem Schleier und Bling-Bling. Das war ich nicht und ich hätte mich in so einem wallenden Spitzenkleid nur verkleidet gefühlt. Matts reiche Eltern würden es wahrscheinlich schicker finden, wenn ich traditionell gekleidet ihren Sohn zum Mann nahm. Zum Glück dachte Matt anders. Er mochte meinen Kleidungsstil und deswegen war ich mir schon jetzt sicher, dass ich ihn mit meinem Dress zwar überraschen, aber ihm trotzdem gefallen würde. Es war daher alles gut. Nur irgendwie machte es mir wieder mal bewusst, dass das hier wirklich echt war und der Hochzeitstermin stetig näher rückte.

 

Ich verstand mich selbst nicht mehr. Ich war doch so glücklich. Ob es vielen Bräuten so erging? Und fühlte Matt vielleicht ebenso diese Art von Torschlusspanik?

 

Ich ging in die riesige Kabine und begann mich auszuziehen, während die Verkäuferin mir folgte und neben mir die Schachtel öffnete, um die Schuhe herauszuholen.

 

„Oh mein Gott!“, entfuhr es ihr und sie sah mich entgeistert an. „Blau?“ Sie hielt einen der ultramarinblauen Pumps hoch. „Oder ist das der falsche Karton?“

 

Ich reckte entschieden mein Kinn. „Nein, das sind meine Brautschuhe.“ Ich konnte ja vieles ab, aber nicht, dass sie diese wunderschönen Manolo Blahniks so abschätzig anstarrte, die ich mir förmlich vom Mund abgespart hatte.