Leseprobe

Prolog

Seine Gesichtszüge wirken maskenhaft und kühl, während er seine silberne Taschenuhr aus der Weste zieht und sie in einer übertriebenen Ruhe aufklappt. Dabei tobt ein wahrer Sturm in ihm. Ein Hurrikan mit tief vergrabenen Emotionen, die für ihn kaum noch zu beherrschen sind.

 

Er hält das Ziffernblatt zum Mondlicht gewandt und starrt scheinbar ungerührt auf die bewegungslosen Zeiger. Obwohl er die Uhrzeit bereits kennt, muss er sie ständig kontrollieren. Es ist wie ein innerer Drang und vielleicht auch die stille Hoffnung, dass sie sich geändert haben könnte. Natürlich wird ihm der Wunsch nicht erfüllt. Zwanzig Minuten vor Mitternacht. Es war jener Moment damals, der alles für ihn verändert hat. Die Zeit ist einfach mit ihm stehengeblieben.

 

Er hat gelernt sich in Geduld zu üben. Eine andere Wahl hat er ohnehin nicht. Doch bald wird die Gelegenheit kommen, auf die er schon so lange wartet. Er kann es spüren. Und dann wird er bereit sein. Sein Plan steht und niemand wird ihm dazwischenfunken.

 

Es ist, als sei er ein ewig Sterbender, gefangen in der eigenen Hölle. Nur wo sind die lodernden Flammen und die unerträgliche Hitze, mit denen die Verdammten dort gequält werden? Seine Hölle ist alles andere als heiß. Sie ist kalt und dunkel. Eine nicht enden wollende Nacht in einem winterlichen Garten mit einem beständig scheinenden Vollmond, der ihn fortwährend zu verhöhnen scheint. Wie oft hat er schon hier auf dem zugeschneiten Rasen gestanden und seine Qual hinaus geschrien, Steine gen Himmel geschleudert, um dieses verfluchte Silberlicht ein für alle Mal auszuschalten?

 

Er weiß, er hat es verdient so zu leiden und ohne Unterlass daran erinnert zu werden, was für schreckliche Fehler er begangen hat. Menschen, die Schuld auf sich geladen haben, müssen durchs Fegefeuer - aber er hätte nie gedacht, wie endlos sich dies anfühlt.

 

Sein Blick schweift hinüber zum Steg. Das verhasste Mondlicht bringt die vereisten Holzbohlen zum Glitzern und streut zahllose Funken über den dunklen See.

 

Es hat eine Zeit gegeben, da hat er gerne auf das Wasser hinaus geblickt. Mit ihr. Er verliert sich in seinen Erinnerungen, sieht sie vor sich, wie sie dort am Steg steht und auf ihn wartet. Ihr kastanienbraunes Haar vom Wind zerzaust. Wie von selbst setzen sich seine Beine in Bewegung. Die Kälte um ihn herum verschwindet, macht Platz für wärmende Sonnenstrahlen, die sich auf sein Gesicht legen und ihn vergessen lassen, wo er sich tatsächlich befindet. Er sieht nur sie. Er beschleunigt seine Schritte, weiter auf sie zu. Der Schnee unter seinen Füßen beginnt zu schmelzen und bringt ein sattes Grün zum Vorschein. Er läuft immer schneller, ist fast bei ihr.

 

Es trennen sie nur noch wenige Meter, da bleibt er mit einem Mal abrupt stehen. Mit einem gequälten Ausdruck starrt er zu ihr hinüber, wagt es nicht weiter zu gehen, weil er Angst hat sie zu verlieren. Dabei ist dies längst geschehen. Sie kann also gar nicht da sein. Als hätte sie seine Gedanken vernommen, verblasst ihre Gestalt - und mit ihr der sommerliche Tag.

 

Er bleibt zurück. Allein in dieser eisigen Nacht, die niemals endet und wo die Wiese auf ewig unter einer dicken Schneedecke begraben liegt.

 

Entschlossen wendet er sich ab.

 

Es wird Zeit endlich etwas zu ändern.